Power of Hands

Zum Abschluss der Ausstellung fand am 15.12. 2016 im Rathaus eine Finissage statt. Die Rede der Kunsthistorikerin Katja Weeke können Sie hier nachlesen:

Kunst für, von und über Flüchtlinge ist ein neues Themenfeld, dem sich etliche zeitgenössische Künstler und Institutionen zuwenden, das aber nicht immer dem hohen Anspruch gerecht werden kann.
Flüchtlinge warten nicht unbedingt auf Künstler, die für sie sprechen. Das können sie oft selbst besser, solange man sie lässt, wie man hier sieht…

Nachdem der chinesische Künstler Ai WeiWei die Säulen des Berliner Konzerthauses mit gebrauchten Schwimmwesten aus Lesbos verkleiden ließ und das Foto des im September 2015 ertrunkenen kleinen Jungen Ailan Kurdi nachgestellt hat, ließ er anschließend aus Schwimmwesten geknüpfte Seerosenskulpturen im Brunnen des Wiener Belvedere treiben.

Olafur Eliasson lud, ebenfalls in Wien, Flüchtlinge und Bürger ein, gemeinsam Lampen zu bauen.

Das Zentrum für politische Schönheit schließlich widmet sich seit mehr als zwei Jahren in spektakulären Aktionen dem Thema, zuletzt mit der Ankündigung, Geflüchtete würden sich freiwillig von Tigern fressen lassen, wenn die Bundesregierung nicht ein Gesetz so abändere, dass Flüchtlinge auch mit dem Flugzeug einreisen können.

Es ist mehr als verständlich, dass auch Künstler und Kuratoren etwas zu den Fragen beitragen wollen, an denen sich womöglich die Zukunft vieler Gesellschaften entscheidet. Oft jedoch handeln die großen Gesten weniger von Flüchtlingen als von der eigenen Betroffenheit.
Das Fluchtthema wird so zum Prüfstein für die gesellschaftliche Rolle der Kunst.
Ganz anders sieht es aus, wenn Flüchtlinge selbst künstlerisch aktiv werden. Auch da gibt es viele Initiativen an vielen Orten, die alle auf ihre Weise die interkulturelle Kommunikation zum Ziel haben.

Hier in Denzlingen heißt das Kunst- und Kulturprojekt „POWER OF HANDS“. Der Freundeskreis Asyl e.V. hat es, wie Sie bereits gehört haben, in Kooperation mit der Beschäftigungs- und Qualifizierungsfirma 48° Süd initiiert.

Die Macht der Hände – ein wahrhaft großes Thema, das man aus den verschiedensten Blickwinkeln beleuchten kann. Auch kunsthistorisch ist dieses Motiv von großer Bedeutung – auf der ganzen Welt und quer durch alle Jahrhunderte.
Die Hand ist die Versinnbildlichung von Kraft und Macht. In der Bildenden Kunst des Mittelalters wurde stellvertretend für Gottvater oft eine aus den Wolken herabgestreckte Hand dargestellt.
Das Motiv zweier einander umfassender Hände war schon den Assyrern bekannt als Symbol einigender Kraft und inniger Verbundenheit.
Die „Hand der Fatima“ ist ein kulturelles Zeichen im islamischen Volksglauben Nordafrikas und des Nahen Ostens.
Und jeder von uns Deutschen hier kennt die „Betenden Hände“ von Albrecht Dürer.

Warum gerade die Hand?
Die Hand besitzt den kompliziertesten Bauplan von allen menschlichen Gliedmaßen. Sie hat 27 Knochen, 33 Muskeln und 22 Achsen, an denen sie beweglich ist. In jeder Handfläche liegen 17.000 Fühlkörperchen, die Druck, Bewegungs- oder Vibrationsreize aufnehmen. Die wesentlichen Eigenschaften eines Gegenstandes verstehen wir erst, wenn wir ihn in den Händen gehalten haben. Der Mensch begreift mit den Händen.

Gesten der Hand überwinden Sprachbarrieren, ergänzen oder ersetzen das gesprochene Wort. Wenn wir etwas besonders hervorheben wollen, „unterstreichen“ wir unsere Sätze mit der passenden Handbewegung. Ein Händeschütteln signalisiert Friedfertigkeit und die Faust droht dem Feind.

Auch auf kleinstem Grund entfalten Hände ihre Symbolkraft, zum Beispiel auf Münzen und Briefmarken, auf denen mit Händen die Verbundenheit mit bestimmten Ideen, Techniken und Weltanschauungen gezeigt werden soll.

Wo die Sprache versagt, können oft Hände helfen, zu verstehen. Die Kommunikation ohne Worte hilft bei Reisen in fremde Länder, spielt aber auch im Kontakt mit den nach Deutschland gekommenen Flüchtlingen eine wesentliche Rolle. In Händen liegt ein beachtliches Potenzial.

Über einen Zeitraum von 8 Wochen haben 30 Flüchtlinge zwischen 17 und 40 Jahren aus Syrien und dem Irak gemeinsam mit einigen Denzlingern und unter der Leitung der Bildungsreferentin Marlies Hartmann und dem Künstler Meinolf Mandelartz die „Macht der Hände“ erkundet. Sie haben unterschiedliche mediale Verfahren und künstlerische Strategien kennengelernt und erprobt sowie ungewohnte und neue Formen des Ausdrucks gestaltet.

Die Ergebnisse zeigen eine jeweils sehr subjektive Umformung der eigenen Sicht. Wie Marlies Hartmann es formuliert: „Ein Projekt mit der Möglichkeit, sich selbst und die Welt zu entdecken“
Ein mitunter schwieriger Prozess, eine Konfrontation mit dem Substantiellen, mit der eigenen Vergangenheit, deren Bewältigung sicher nicht einfach ist. Viele dieser Menschen kommen zu uns ohne eine Vergangenheit, ohne eine tradierte Geschichte und ohne erzählten Geschichten – einige nur mit der Geschichte ihres Überlebens im Gepäck – eine schwere Bürde, die sie vielleicht ein bisschen abladen durften bei diesem Projekt.
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Es sind ganz unterschiedliche Kunstformen entstanden. Die Flüchtlinge haben verschiedene Techniken gelernt oder sie unter künstlerischer und technischer Anleitung perfektioniert: darunter Photoshop, digitale Bildbearbeitung, Schnitt, Collage, Monotypie oder Zeichnung mit unterschiedlichen Werkzeugen.
Mit einbezogen worden sind auch die neuen Medien. Smartphone und Internet sind die Kommunikationswege der Flüchtlinge, die „Drähte“, über die sie auch mit ihren Familien im Heimatland Kontakt halten – vor allem, wenn Briefe ihren Weg nicht mehr finden. Genauso wichtig wie der Austausch von Wörtern über diese Medien ist jedoch der Austausch von Bildern – mithilfe der digitalen Technik können die Menschen in Echtzeit visuell am Leben des anderen partizipieren. Wie wichtig das in der Fremde sein muss, können wir uns alle vorstellen!

Die Bilder, die Sie hier sehen, sind entstanden, ohne so etwas wie „Kunstkönnen“ vorauszusetzen – den Initiatoren war es wichtig, das Zufallsprinzip zugrunde zu legen und keine künstlerischen Maßstäbe, um allen Beteiligen ein Erfolgserlebnis zu ermöglichen. Dass das nicht allen gleich gelang und nicht allen gleich leicht fiel, war vorauszusehen und wurde einkalkuliert. „Sich in Kunst auszudrücken, ist für viele nicht Teil ihrer bisherigen Kultur“, so Marlies Hartmann.

Ich möchte Ihnen ein paar der Werke vorstellen. Als Erstes die Serie, die Sie hier am Treppenaufgang sehen können.
Fotos von Fingerabdrücken sind sehr ambivalent: einerseits spiegeln sie die Erfahrung der Flüchtlinge, bei der Einreise in Europa überall und mehrfach mit ihrem Fingerabdruck registriert und auf ihn reduziert zu werden, andererseits ist dieser aber auch ein unverwechselbares Merkmal ihrer einzigartigen Identität und kann somit eine neue Bedeutung bekommen. Die Darstellung als „Kunst“ war für die Beteiligten sicherlich auch ein Prozess des Umdenkens und der Neubewertung.

Oder Sie sehen in einer Collage die Rückansicht einer Person, die ihre Arme weit ausbreitet. Für den Künstler aus Damaskus Ausdruck des herzlichen Willkommens, wie er es hier erlebt hat. In den Händen trägt die Figur Blumen, darüber klebt ein Foto mit der Flagge des syrischen Widerstandes.
Das Bild eines blühenden Gartens mit Kind steht für seine verlassene Heimat, Kriegs- und Soldatenbilder für Zerstörung, ein Motiv aus einem Asterix-Comic symbolisiert die Zerstrittenheit in seiner Heimat.
Alles drin auf einem Bild. Verständlich für uns, obwohl die Sprache des Künstlers eigentlich eine fremde ist.

Oder schauen Sie auf die Serie der Fotos hier auf den Stellwänden. Eine ganz zeitgemäße Formensprache, coole Schwarzweißbilder, die in ihrer Professionalität auch aus einem westlichen Hochglanzmagazin stammen könnten. Dann aber wiederum die Vielschichtigkeit der Überlagerungen, die uns ein Bild des noch nicht Angekommenseins und einer fehlenden Identität vermittelt.

Kunstprojekte wie „Power of Hands“ bauen Brücken zwischen Kulturen. Sie eröffnen Räume, die es Menschen mit und ohne Migrationshintergrund erleichtern, aufeinander zuzugehen und sich noch besser kennenzulernen. Heutzutage sind Dialog und Austausch für den Zusammenhalt in der Gesellschaft wichtiger denn je und eine Grundvoraussetzung für gelingende Integration.

In den zwei Monaten des Projektes sind neben den produktiven Resultaten auch neue Beziehungen unter den Flüchtlingen und mit Denzlingern entstanden und einige Freundschaften haben sich vertieft. Denzlingen, mit seinem Freundeskreis Asyl, ist ein Vorzeige-Ort, dem eine sehr gute Integration von Flüchtlingen gelingt – nicht zuletzt mit diesem ambitionierten Kunst-Projekt und der „Power of Hands“.

Katja Weeke, Kunsthistorikerin M.A.

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